Menschen

Tochter des Waldes – aufgewachsen in der Natur

Wie ist es eigentlich, wenn man im Wald aufwächst? Wenn Robinien und Birken den Grundstein für das spätere Leben legen? Ich meine, es ist das Beste, was einem passieren kann. Ein sehr persönlicher Text.

von Jana Rauschenbach28.6.2023
Jana Rauschenbach leitet die Redaktionsbereiche bei „Im Grünen“ und 7fridays. Ihre Mission: Mensch und Natur wieder in Einklang bringen.

Die Art Großeltern zu haben, für die Gärtnern in der Bedürfnispyramide neben Essen und Schlafen steht, war ziemlich großartig. Ihre Domäne war ein Grundstück in Sackgassenendlage am Weißen See in der Brandenburger Schorfheide. Es gab einen Bungalow, einen Schuppen, weitläufige Gemüsebeete und Obstbäume. Der kultivierte Teil dieses kleinen Paradieses war für mich allerdings nur en passant interessant. Natürlich riss ich mir bei Bedarf kleine Möhrchen aus dem Boden, reinigte sie grob an der Hose und ließ sie knirschend im Mund verschwinden – während ich mich aufs Fahrrad schwang. Ich war an Größerem interessiert. Ganze Tage verbrachte ich mit Kindern unter Bäumen. Der weiche Waldboden hatte keinen Widerhall, es gab kein Echo in diesen Tagen zwischen den Stämmen. Manchmal machten wir Laubengel und wurden eins mit Mutter Erde bis wir nur noch aus unserem eigenen Atem bestanden.

Im Schamanismus heißt es, wir hätten alle Naturpaten. Das sind jene Teile der Natur, die uns schon immer begleiten. Meine sind definitiv Bäume. Da muss ich nicht nachdenken. Eine Zeit lang war mir der Geruch und das Gefühl von Borke an meiner kindlichen Wange vertrauter als meine Eltern. Sie waren auch mehr für mich da, diese stillen Baumriesen. Sie duldeten, schützten, behüteten und sangen für mich. Ihre sanfte Art schaffte in meinem Herzen einen Ort, an den ich noch heute häufig zurückkehre. Vielleicht wurde ich noch einmal geboren, damals in diesen wilden Brandenburger Wäldern. Natürlich besuche ich meine Eltern häufig und manchmal bleibe ich zum Tee.

Forest is for rest.

Überhaupt erinnere ich mich, dass wir sehr viel kochten im Wald. Wir bauten Hütten aus Zweigen – eine Kunst, die ich noch heute in Perfektion beherrsche. In unseren Küchen brodelten dann herrliche Suppen aus Bachwasser, Kiefernzapfen und Tannennadeln. Der Wald machte mich so satt, dass ich oft erst, randvoll von Glück, zum Abendessen nach Hause radelte. Natürlich gab es auch eine Kehrseite im Paradies. Das immersive Erlebnis der Dualität bestand hier aus Wurzeln. Immer wenn man glaubte, alle zu kennen, warf es einen richtig aus der Bahn und direkt hinein in die kratzigen Arme armenischer Brombeerbüsche. Das war absolut okay. Niemand beschwerte sich darüber. Hin und wieder zu fallen, wo auf der Welt ist das nicht so?

Der Wald tut uns gut

Die Wissenschaft spricht gern über Negativ-Ionen (Anionen), die vor allem in der Natur vorkommen. Sie unterstützen das Immunsystem, in dem sie freie Sauerstoffradikale im Körper reduzieren. Das wirkt sich positiv auf Psyche, Leistungsfähigkeit, Energie und unseren Schlaf aus.

Oft spielten wir in Waldbächen. Die waren eiskalt – so sehr, dass wir unsere Füße nach kurzer Zeit nicht mehr spürten. Dem Wald war das egal. Er bot uns weiterhin all diese unvernünftigen Möglichkeiten. In uns wuchs Freiheit. Eine meiner frühesten Lektionen des Lebens lernte ich genau da. Im Fluss zu bleiben, bedeutet: im Fluss zu bleiben. So einfach war das. Nichts, was uns die Natur lehrt, ist je kompliziert. Und genau deshalb wird es oft einfach übersehen.

Ob ich keine Angst vor Zecken hatte, werde ich häufig gefragt. Aber die nehmen mich ja gar nicht war. Für die bin ich vermutlich gar nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Kambium und Harz. Ein Schamane nannte mich mal „Hija de la Selva“ (Tochter des Waldes). Ich weiß bis heute nicht, wie er das sehen konnte. Wir tauschten nur Augenblicke. Erkannt zu werden, ist meist ein sehr gutes Gefühl. Meine Baumliebe geht so weit, dass ich traurig werde, wenn ich irgendwo Baumstümpfe sehe. Die Wurzeln abgetrennt von der Krone – die Tiefe des Himmlischen beraubt. Meine Augen, die sich bis in die kleinsten Verästelungen hangeln wollen, aber nichts mehr finden, was einst war. Manchmal spüre ich sie noch, die Krone der Schöpfung und hoffe, dass die Wurzel noch immer Teil der liebenden Baumfamilie ist.

Die Medizin kennt die so genannten „Herzohren“. Niemand weiß bis heute, wofür diese Ausstülpungen am Herzen eigentlich gut sind. Vielleicht sollen sie uns erinnern, dass wir mit dem Herzen lauschen sollen. Nach den wahren Klängen. Dem Rauschen von Baumwipfeln im Sommerwind, dem Gesang der Vögel, der so niedlich und pur ist, wie sonst wenig in dieser Welt. Und dann diese Stille, die zu hören nur die geduldigsten Ohren in der Lage sind. Wälder erinnern mich. Es ist viel Schatten in ihnen. Und auch Licht. Harte Wurzeln, weiches Moos. Man kann so viel lernen im Wald. Als ich neulich dort meditierte, stand vor mir eine junge Tanne. Sie war da ganz mit sich allein. All-eins. Vermutlich hatte ein Tier ihren Samen gesät. Sie war so wundervoll. Stolz und stark. Eine echte Tochter des Waldes. Es ist wirklich schön, wenn man erkannt wird.

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