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Raus in den Regen – warum sich ein kleiner Ausflug immer lohnt

Wenn es draußen schüttet, bleibe ich lieber drinnen – warum eigentlich? Ein Selbstversuch, ob ich aus Zucker bin.

von Florian Reineke3.11.2023
Florian ist Redakteur bei „Im Grünen“. Er entdeckt gern Abenteuer vor der Haustür und schreibt am liebsten über bewusstes Natur-Erleben.

Hochsommer, 36 Grad. Die Luft ist schwül, ein Gewitter naht. Wolken türmen sich höher, der Himmel verdunkelt sich – dann fällt der erste Tropfen. Sofort bricht Chaos aus. Leute hechten unter Vorsprünge, wuchten ihre Einkaufstaschen über den Kopf. Ich schließe mich der allgemeinen Hast an und flüchte in einen Hauseingang. Trotzdem merke ich, wie meine Schuhsohlen aufschwemmen, auch meine Hose ist schon klamm. Mittlerweile ist die Straße menschenleer – fast. Ein kleines Mädchen steht noch da, breitet die Arme aus und streckt die Zunge heraus, als wäre es eine Pflanze, die sich schon seit Tagen aufs Gießen freut. Es dauert nur ein paar Sekunden, dann schnappt sich ein Vater das Kind und verfrachtet es ins Auto. Als der Regen nachlässt, wagen sich langsam alle aus der Deckung. Und ich frage mich: Warum haben wir uns angewöhnt, uns vor Wasser zu verstecken?

Mit der Würde des Samurai

Dass die Leute reflexartig vor dem Regen flüchten, ist kein neues Phänomen. Im 18. Jahrhundert lebte ein Samurai, der dieses Verhalten bei seinen Mitmenschen beobachtete und es kritisierte. Er riet ihnen: Nicht kirre machen lassen! Wer auf offener Straße von einem Regenguss überrascht wird, der solle doch bitte schön so weitergehen, als sei gar nichts. Es sei nämlich albern, vor Wasser zu flüchten. Der Samurai hieß Yamamoto Tsunetomo und hat das „Hagakure“ verfasst, einen Ehrenkodex für Samurai. Darin leitet er sogar eine Lektion fürs Leben daraus ab, wie wir auf plötzlichen Regen reagieren:

„Man kann etwas von einem Regenschauer lernen. Wenn der Schauer einsetzt, versuchen Sie, nicht nass zu werden und rennen schnell die Straße hinab. Aber Sie werden trotzdem nass. Wenn Sie jedoch von Anfang an einen Entschluss gefasst haben, werden Sie nicht unüberlegt handeln.“
– aus dem „Hagakure“ von Yamamoto Tsunetomo

Yamamoto übertrug diese Geisteshaltung auf jegliche Unbill, die einem im Alltag begegnen kann, wie unvermutete Auseinandersetzungen oder plötzlichen Schmerz. Es klingt wie aus einem modernen Ratgeber: Akzeptieren Sie, was Sie nicht ändern können, und empfangen Sie es mit offenen Armen.

Ich will aber gar kein duldsam ausharrender Samurai werden, sondern nur wissen, woher die Abneigung gegenüber dem Regen kommt. Haben wir noch die Mahnungen unserer Eltern im Ohr? Dass wir uns erkälten, wenn wir in klammen Klamotten durch die Gegend laufen? Denn tatsächlich entzieht nasse Kleidung dem Körper Wärme, aber das tut eine kalte Dusche am Morgen auch – und die ist doch angeblich gut fürs Immunsystem. Bilden wir uns also doch nur ein, dass wir aus Zucker sind?

Was kann man bei Regen machen?

Im Internet findet man viele Tipps für Aktivitäten bei schlechtem Wetter: Lies ein Buch. Mach Yoga (drinnen!). Besuche ein Museum. Geh ins Café. Sich rauswagen – undenkbar?

Ich warte den nächsten Guss ab und probiere es aus. Schirm und Regenjacke lasse ich neben der Tür hängen, dann trete ich hinaus in den Regen. Ziemlich kalt, obwohl Hochsommer ist. Schlieren auf meiner Brille, kühle Tropfen auf der Haut. Eher unangenehm. Aber das Kind auf der Straße hatte offenbar Spaß, vielleicht brauche ich nur mehr Übung. Also spaziere ich los, während ich durch meine besprenkelten Brillengläser spähe. Alles ist menschenleer, bis auf ein paar Hundebesitzer:innen, die geduckt ihre Runde um den Block drehen. Nach ein paar Schritten sind meine Schuhe durchweicht, aber das macht ja nichts – und was würde Yamamoto von mir denken, wenn ich jetzt umkehre.

Der Wald bei Regen

Also weiter auf der üblichen Spazierrunde Richtung Wald, denn hier soll ein ganz besonderes Spektakel warten. Und tatsächlich: Was letzte Woche, bei Sonnenschein, noch ein trüber Tümpel war, ist jetzt voller Leben. Kröten und Frösche quaken und hüpfen durcheinander, die gesamte Wasseroberfläche ist in Bewegung. Auch Salamander und andere Tiere sollen sich bei Regen hervorwagen; sie haben schon gelernt, dass der Wald menschenleer wird, sobald es zu nieseln beginnt. Ich treffe zwar keine besonderen Waldbewohner:innen, aber alles riecht frisch und duftet nach feuchter Erde. Die Blätter glänzen an den Bäumen und das Rauschen und Plätschern klingt angenehm. Gestern war die Erde noch aufgerissen wie spröde Haut, jetzt wirkt alles frisch und lebendig. Ich stapfe noch eine halbe Stunde weiter, bis ich ganz durchnässt bin. Der Regen stört kaum noch, weil eh nichts mehr zu retten ist. Vielleicht ist das ja schon ein klitzekleines Stückchen von der Samurai-Ergebenheit, die Yamamoto meinte? Egal – gelohnt hat es sich auf jeden Fall.

Wohin bei Regen?

Besonders stimmungsvoll wirken Gewässer bei Regen. Wenn es von oben gießt, malen die Tropfen Muster und Kreise ins Wasser. Hier ein paar Ausflugstipps:

Chiemsee: Die Alpen sind wolkenverhangen, Regenschnüre peitschen übers Wasser. Der See im Chiemgau kann bei Regen richtig bedrohlich wirken – ein interessanter Gegensatz zu Sonnenschein und Urlaubs-Feeling. Und das Beste: Wenn es schüttet, hast du den See (fast) für dich allein.

Ostseestrand in Warnemünde: Die Gischt spritzt hoch, Wellen krachen gegen die Hafenmole. Bei Regen hinauf aufs Meer zu schauen wie ein alter Seebär: das geht nur bei dunklen Wolken und tosender Brandung.

Eibsee: Auch diesen See bei Garmisch-Partenkirchen kannst du bei Regen viel entspannter genießen. An sonnigen Tagen lockt der See viele Ausflügler:innen an, bei schlechtem Wetter kannst du eine ausgedehnte Runde drehen und Nebelschwaden übers Wasser ziehen sehen.

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