Menschen

Surfen als Therapie: 7 Fragen an Psychotherapeut Nicolas Klemer

von Nadine Pinezits20.12.2023
Nadine liebt die Berge, den Wald hinter ihrem Elternhaus, die Küsten Portugals und ihre Kamera, mit der sie sämtliche ihrer Abenteuer einfängt.
Surfende sind in den Wellen unterwegs.

Der Münchner Psychotherapeut Nicolas Klemer ist leidenschaftlicher Surfer. Die positiven Effekte des Sports kennt er nur zu gut. Mit surf.bewusst.sein bietet er seit 2022 das Surfen deshalb als Gruppentherapie an.

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Lieber Nico, erzähl mal, wie bist du denn eigentlich zum Surfen gekommen?

Ich war nach dem Abitur auf Weltreise und bin in Neuseeland aufs Surfen gestoßen. Ich habe mir dort ein Board ausgeliehen und bin dann erstmal etwas hilflos und wild durch die Wellen gepaddelt, bis mir ein sehr netter Local einige Tipps gegeben hat. Während der gesamten Reise war ich dann immer surfen, wenn es sich angeboten hat. Im darauffolgenden Jahr habe ich mir ein billiges Board gekauft, war damit zwei Wochen in Frankreich und von da an immer wieder in den Wellen. Später war ich dann auch noch in einem Surfcamp in Marokko. 2020 haben meine Frau und ich unsere Zwillinge bekommen und dadurch – und auch wegen Corona – bin ich dann im Urlaub nicht mehr wirklich zum Surfen gekommen. Deshalb bin ich dann aufs Flusssurfen gestoßen. Seitdem gefällt mir das auch ziemlich gut.

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Was empfindest du denn beim Surfen? Wobei hilft es dir?

Wenn ich gestresst oder schlecht gelaunt bin, weiß ich, dass das Surfen mir jetzt helfen würde. Ich liebe auch einfach das Wasser als Element. Alleine die Berührung damit gibt mir ganz viel Positives. Schwimmen oder Stand-up-Paddling haben bei mir aber nicht denselben Effekt, ich brauche da etwas mehr Action. Deshalb ist das Surfen einfach die perfekte Wahl.

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Wann war der Punkt für dich da, an dem du gesagt hast „Okay, das Surfen könnte anderen Menschen wirklich weiterhelfen, das biete ich jetzt als Therapieform an“?

Den Gedanken hatte ich tatsächlich schon sehr lange. Ich würde sagen, vor fünf Jahren habe ich angefangen, mich etwas genauer damit zu beschäftigen und mich in das Thema einzulesen. Ich habe dann schnell festgestellt, dass Surftherapie-Projekte in vielen Ländern mit Meerzugang bereits angeboten werden. Ich stand damals dann vor der Frage, wie man das jetzt nach München bringen könnte und bin dann auf die Citywave gestoßen. Daraufhin habe ich mich mit einer Kollegin darüber unterhalten und wir haben es dann mit dem damaligen Praxisteam einfach ausprobiert: Im Februar 2022 sind wir zum ersten Mal mit einer kleinen Gruppe an Patient:innen dort surfen gegangen.

„Der Unterschied von allgemeinen Sporttherapieformen zu klassischen Gruppentherapieformen ist, dass wir bei Ersterem ins Tun kommen und wir nicht nur theoretisch darüber sprechen. Bei der Sporttherapie erleben wir die Patient:innen direkt in schwierigen Situationen und können ihnen live dabei helfen, diese zu bewältigen.“
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Wie unterscheidet sich die Surftherapie denn von anderen Therapieformen?

Der Unterschied von allgemeinen Sporttherapieformen zu klassischen Gruppentherapieformen ist, dass wir bei Ersterem ins Tun kommen und wir nicht nur theoretisch darüber sprechen. Bei der Sporttherapie erleben wir die Patient:innen direkt in schwierigen Situationen und können ihnen live dabei helfen, diese zu bewältigen. Wir bekommen dadurch ganz andere Informationen als sonst und merken auch viel schneller, wenn wir auf dem Holzweg sind. Das Surfen unterscheidet sich aber natürlich auch nochmal von anderen Sporttherapieformen wie beispielsweise therapeutischem Klettern, welches ich auch anbiete. Das Wasser ist da ein ganz entscheidendes Element. Die Patient:innen erleben dadurch alles intensiver. Sie sind auch verletzlicher, weil sie in Sportbekleidung sind und nicht in ihren Wohlfühl-Klamotten. Beim Surfen – sowohl auf der Citywave als auch im Meer – sieht man auch einfach sehr schnell Erfolge, was vielen immens hilft. Die meisten können sich vorab nämlich nicht vorstellen, gleich beim ersten Mal alleine auf der Welle zu stehen.

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Wer kommt denn so zu euch in die Sessions?

Das ist komplett unterschiedlich. Unsere jüngste Teilnehmerin war 14 und die älteste Ende 60. Vermehrt kommen Leute in die Surftherapie, die bei mir in der Einzeltherapie sind und denen ich das vorschlage. Mittlerweile schreiben uns aber auch immer mehr Leute an, die mitmachen wollen. Grundlegend kann jede:r bei uns teilnehmen. Wir haben Leute dabei, die woanders in Therapie sind und welche, die gar nicht in Therapie sind. Viele machen beim Surfen auch mit und merken dann, dass sie gerne in Therapie gehen würden. Ich würde es super finden, wenn mehr Leute mitmachen würden, die sich vielleicht vorab denken, dass Surfen nichts für sie ist. Denn meine Erfahrung zeigt, dass genau sie es sind, die im Nachhinein oftmals merken, dass es ihnen total viel gebracht hat. Außerdem wäre es toll, wenn mehr Menschen kommen würden, die schon regelmäßig surfen und daher meinen, die Surftherapie bringt ihnen nichts zusätzlich. Ich bin überzeugt, dass auch sie von unseren Sessions durchaus noch profitieren könnten.

„Ich surfe auch immer mit den Teilnehmenden gemeinsam, nehme sie an die Hand und führe sie dann langsam heran, sodass sie am Ende 5-10 Sekunden frei surfen können.“
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Und wie läuft so eine Surftherapie-Session genau ab?

Es gibt zu Beginn immer eine kleine Kennenlern-Runde. Meistens haben wir sechs bis acht Teilnehmende pro Termin. Danach haben wir dann immer eine Vorbesprechung, die circa eine Stunde dauert. In dieser reden wir darüber, wer gerade welche Themen hat, was von dem Termin erwartet wird und wie die Ziele aussehen. Das kann für alle ganz unterschiedlich aussehen. Jemand mit Depressionen könnte als Ziel beispielsweise haben „Ich möchte heute eine positive Aktivität unternehmen. Ich will heute Spaß haben“. Für jemanden mit einer Essstörung kann das Ziel sein, dass er oder sie sich überwindet, sich vor anderen in Badekleidung zu zeigen. Diese Ziele besprechen wir ausführlich in der Gruppe. Danach gehen wir eine Stunde lang surfen. Wir haben die Welle immer exklusiv gemietet. Bei unseren Sessions sind immer zwei Therapeut:innen dabei und zusätzlich auch noch Surflehrer:innen zur Unterstützung anwesend. Ich surfe auch immer mit den Teilnehmenden gemeinsam, nehme sie an die Hand und führe sie dann langsam heran, sodass sie am Ende 5-10 Sekunden frei surfen können. Im Anschluss gibt es immer eine Nachbesprechung. Natürlich besteht aber auch während des Surfens immer die Möglichkeit, mit uns zu reden.

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Was habt ihr mit surf.bewusst.sein noch geplant? Was steht kommendes Jahr an?

Wir werden hoffentlich ab dem Frühsommer bei Surftown unterkommen. Das wird richtig cool, weil so eine laufende Welle doch nochmal etwas ganz anderes ist als eine Stehende. Wir werden aber wahrscheinlich auf der Citywave dennoch weiterhin Sessions abhalten, weil es vor allem im Winter viel praktischer ist. Wenn das alles so klappt, wie wir uns das vorstellen, dann können wir auch noch mehr mit Leuten arbeiten, die keine Krankenversicherung besitzen, keine Therapiestunden mehr übrighaben oder nicht den klassischen Therapiezugang besitzen. Die Surftherapie ist momentan noch ein sehr psychotherapie-lastiges Projekt. Es soll in Zukunft auf jeden Fall noch mehr in die sozialtherapeutische Richtung gehen. Für den Herbst ist auch ein psychotherapeutisches Surfcamp in Portugal geplant.

Ein Porträt des Psychotherapeuten Nicolas Klemer.

Vielen Dank für das Gespräch, lieber Nico, und viel Erfolg für eure Pläne im kommenden Jahr!

Auf Instagram und auf der Website von surf.bewusst.sein findet ihr noch mehr Infos zur Surftherapie:

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