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Übers Heimkommen: 7 Fragen an die Vanlifer Regina und Thomas

Zwei Jahre, 13 Länder, 40.000 Kilometer: Regina und Thomas waren lange mit dem Van unterwegs. Doch dann beginnt plötzlich wieder der Alltag – ein Gespräch über die Herausforderung, nach einer langen Reise zurück nach Hause zu kommen.

von Ilka Bröskamp12.4.2024
Ausgeschlafen und bei einem frisch zubereiteten Hafermilch-Latte, schreibt Ilka leidenschaftlich gern über bewussteres Leben und Reisen.
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Liebe Regina, lieber Thomas – ihr seid 2021 mit eurem Van Edelweiss auf Weltreise gegangen, habt unfassbar viel gesehen und erlebt – jetzt seid ihr zurück in eurer Heimat Wien. Wie fühlt es sich an, wieder zu Hause zu sein?

Thomas: Während unserer Reise waren wir jeden Tag draußen in der Natur und haben ständig neue Leute getroffen. Auch wenn es natürlich eine gewisse Routine gab, war unterwegs jeder Tag anders und das fehlt mir zu Hause gerade sehr. Ich merke, wie ich wieder in den Alltagstrott reinrutsche. Wie jeder Tag gleich ist. Wie man plötzlich wieder seltener herausgeht. Wie man viel seltener Leute trifft. Wie man viel seltener neue Dinge macht und sich so eine Eintönigkeit einschleicht. Wir waren jetzt nochmal ein paar Tage mit dem Van unterwegs und ich fühle mich aktuell im Van immer noch mehr zu Hause als in meinem richtigen zu Hause.

Regina: Es gibt ja diese Studien, dass Städte krank machen können und die Natur einen irrsinnig heilenden Effekt hat – nimm zum Beispiel das Waldbaden – und genau das fühlen und erfahren wir gerade richtig krass. Ich merke zum Beispiel, wie mir das Tageslicht fehlt, obwohl wir natürlich Fenster haben. Aber es ist ein ganz anderes, künstliches Licht. Wir sind heimgekommen und ich habe schon gemerkt, wie es mich wieder runterzieht. Eine große Hilfe zum Verarbeiten oder zum Ankommen ist für mich aber die Fülle der Natur. Ich war zwölf Tage allein wandern in den Bergen in Tirol, habe draußen geschlafen und gemerkt, wie meine Akkus wieder aufladen.

„Wir waren in Ländern, in denen die Menschen generell sehr offen sind und in denen Gastfreundlichkeit sehr großgeschrieben wird. Wir merken jetzt schon, dass die Menschen hier in Wien nicht so offen durch die Gegend gehen, eher mit Ellbogen auf der Straße stehen, auf ihr Handy schauen oder den Blick abwenden, wenn man sie anlächelt.“
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Das klingt fast wie ein Kulturschock, oder?

Thomas: Absolut, Kulturschock trifft es wirklich gut. Auch von den Menschen, die man trifft und der Mentalität. Wir waren in Ländern, in denen die Menschen generell sehr offen sind und in denen Gastfreundlichkeit sehr großgeschrieben wird. Wir merken jetzt schon, dass die Menschen hier in Wien nicht so offen durch die Gegend gehen, eher mit Ellbogen auf der Straße stehen, auf ihr Handy schauen oder den Blick abwenden, wenn man sie anlächelt. Das war während unserer Reise ganz anders. Da waren wir auf der Straße unterwegs oder im Camper und die Leute sind auf uns zugekommen, waren ehrlich an uns interessiert und auch wir selbst sind dadurch offener auf Menschen zugegangen. Hier in der Stadt sind zwar viele Menschen, aber es ist gleichzeitig auch sehr anonym. Aktuell spüren wir diesen Unterschied sehr stark.

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Wie kam es dann zu der Entscheidung zurückzukehren? Stand für euch von Anfang an fest, wann eure Reise enden soll?

Thomas: Wir haben die Reise bewusst open end angelegt. Wir wollten uns keinen Zeitplan setzen, um genießen zu können und frei in der Entscheidung zu sein, wo wir wie lange sein wollen. Wir haben uns gesagt: Wir reisen so lange, bis es uns keinen Spaß mehr macht oder das Geld ausgeht. Jetzt, nach zwei Jahren, war es zum einen so, dass Regina sich nach einer Routine und Base gesehnt hat und dass uns zum anderen das Geld ausgegangen ist. Wir sind gemeinsam mit 1.200 € zurück nach Österreich gekommen, so dass wir gerade noch den TÜV bezahlen können. Wir haben unsere Reise bis auf den letzten Cent ausgekostet.

Regina: Unserer Familie haben wir immer gesagt, wir reisen ein bis zwei Jahre. Nach einem Jahr waren wir aber gerade erst in Griechenland und es war für uns klar: Das war es jetzt noch nicht. Und obwohl wir uns so viel Zeit gelassen haben, ist die Zeit doch so schnell vergangen.

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Also habt ihr eure Art zu Reisen unterwegs verändert?

Thomas: Ursprünglich wollten wir bis nach Indien fahren. Unterwegs haben wir aber das langsame Reisen für uns entdeckt. Die ersten Monate sind wir gereist, wie wir früher Urlaub gemacht haben. Das heißt, wir haben jeden Tag Programm gehabt und nach drei Monaten hatten wir ein richtiges Reise-Burn-Out und waren komplett überfordert mit all den Eindrücken und Impressionen. Wir brauchten also Phasen, um das Erlebte zu verarbeiten – eine Art Alltag, Zeit zum Arbeiten oder um Dinge am Bus zu reparieren. Wir sind dann immer langsamer und langsamer gereist, weil wir gemerkt haben, je länger wir an einem Platz stehen, desto spannender wird es eigentlich. Zuerst hakt man die ganzen Touri-Destinations ab und erst danach entdeckt man Orte, die nicht so bekannt sind. Man lernt Einheimische kennen, stößt so wieder auf neue spannende Plätze und es ergeben sich Dinge, die viel interessanter sind als das, wofür man eigentlich zu einem Ort hingefahren ist. Deswegen haben wir zum Beispiel sechs Monate in Griechenland, fünf Monate in Bulgarien, drei in Albanien und wieder fünf in Georgien verbracht. Und langweilig war es nie, sondern wir sind richtig tief in die Länder und Kulturen eingetaucht. Das hat uns so viel Spaß gemacht, dass wir entschieden haben, weniger Länder zu besuchen, aber die Länder, die wir bereisen, dafür intensiv zu entdecken.

„Jeder Kilometer weiter Richtung Heimat hat sich schwer auf die Seele gelegt und kurz bevor ich nach Hause gefahren bin, habe ich ganz ehrlich ein bisschen geweint. Aber wir haben uns Listen mit Dingen gemacht, auf die wir uns zu Hause freuen.“

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Was ging euch auf den letzten Kilometern des Heimwegs durch den Kopf? Habt ihr unterwegs versucht, euch ganz konkret, auf die Rückkehr vorzubereiten?

Regina: Wir sind bewusst in zehn Tagen von Georgien nach Österreich durchgefahren. Es war ein bisschen so, wie ein Pflaster abzureißen, also das Zurückkommen möglichst kurz und schmerzlos hinter uns zu bringen. Und trotzdem haben wir einen starken Shift gespürt mit jeder Grenze, die wir übertreten haben und wieder näher an die westliche Welt gekommen sind. Das Verarbeiten, das hat dann erst eingesetzt, als wir auch wieder heimgekommen sind.

Thomas: Ich fand es richtig bedrückend, muss ich sagen. Also jeder Kilometer weiter Richtung Heimat hat sich schwer auf die Seele gelegt und kurz bevor ich nach Hause gefahren bin, habe ich ganz ehrlich ein bisschen geweint. Aber wir haben uns Listen mit Dingen gemacht, auf die wir uns zu Hause freuen. Ob das jetzt ein gutes, von der Oma zubereitetes Essen ist, die heiße Dusche, der Geschirrspüler … Regina hatte Heimwerkerprojekte, die sie angehen möchte und bei mir war es auch der Gedanke, wieder ein Büro zu haben, in dem ich als Filmemacher und Fotograf konzentriert und ohne Unterbrechung arbeiten kann. Auf der Reise war das tatsächlich manchmal schwierig.

Regina: Ich habe für mich eine Bucket List gemacht. Es gibt ja immer wieder Dinge, bei denen man denkt, dass man sie gerne mal machen würde, wenn mal Zeit ist: in einem Schwimmkurs gescheit kraulen lernen oder einen Tanzkurs besuchen. Diese Dinge verschiebt man immer auf später, weil man mit der Arbeit so busy ist und der Tag mit so viel unnötigem Zeugs zugeschaufelt ist. Und das war für mich auch Teil des Heimkehr-Prozesses, mir die Neugierde und Lust, Neues zu entdecken auch zuhause zu bewahren.

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Es klingt, als seid ihr sehr realistisch mit dem Heimkommen umgegangen. Habt ihr euch die Rückkehr dennoch anders vorgestellt?

Regina: Ich habe schon öfter im Ausland gelebt und diesen Kulturschock bei der Rückkehr schon ein paarmal durchgemacht. Daher habe ich erwartet, dass man sich ganz viel Zeit für sich und zum Verarbeiten nehmen muss. Trotzdem haben wir die Rückkehr dann aus terminlichen Gründen zu eng getaktet und das war nicht so ideal. Wir hatten zwei Jahre einen komplett anderen Rhythmus. Wir haben die Dinge in dieser Zeit bewusster wahrgenommen, langsamer und damit vor allem im Moment gelebt. Jetzt sind wir wieder stärker getaktet, haben sehr viele Termine und das war überrumpelnd.

Thomas: Es war am Anfang wirklich sehr, sehr überfordernd. Auch die vielen Menschen. Jeder will was von dir. Es ist halt etwas anderes, ob du in einer Stadt wohnst oder im Camper irgendwo an einem Strand stehst. Ich war total motiviert, mein Business wieder anzugehen und Termine zu machen und so war mein Tag sofort wieder voll durchgetaktet. Ich habe gemerkt, dass ich eigentlich zwei, drei Wochen gebraucht hätte, um mich mal zu akklimatisieren und dann erst wieder in meinen Alltag zurückzukommen. Ich würde allen empfehlen, die von so einer langen Reise zurückkehren, wirklich Zeit fürs Ankommen einzuplanen, sich für die ersten Wochen nicht zu viel vorzunehmen und sich wieder auf ein anderes Leben einzustellen und in Routinen zu finden.

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Habt ihr für euch schon einen Kompromiss gefunden, euer Fernweh mit dem Leben in der Heimat zu vereinbaren?

Thomas: Definitiv so oft wie möglich mit dem Van unterwegs sein und rausfahren. Das ist bei mir einfacher als bei Regina, weil ich selbstständig bin und auch vom Van aus arbeiten kann. Nächste Woche habe ich zum Beispiel keine Termine und viel Büroarbeit. Da schnappe ich mir den Van, fahre nach Ungarn, stelle mich dort an die Donau und arbeite mitten in der Natur. Unsere Idee ist es, weiterhin möglichst viel raus in die Natur zu gehen, viel zu reisen und uns vor allem auch diese Offenheit zu bewahren. Das Vanlife wird auf jeden Fall ein integraler Bestandteil unseres Lebens bleiben. Aber jetzt heißt es erstmal wieder das Reisebudget auffüllen und dann wird es sicher auch mal wieder eine größere Reise geben.

Regina: Ich bin handwerklich sehr interessiert und geschickt. Unterwegs ist es schwierig, mit einer Kreissäge zu arbeiten und Möbel zu bauen. Ich freue mich, jetzt meinem Hobby und meiner Leidenschaft wieder nachgehen zu können. Außerdem arbeite ich jetzt wieder in Festanstellung in einem Office und freue mich sehr auf die Zusammenarbeit in einem Team mit anderen Menschen. Das Unternehmen ist ziemlich cool, denn meine Arbeitszeit ist flexibel und ich kann auch remote arbeiten. Diese Freiheit und Offenheit sind mir auch sehr wichtig, denn ich möchte nicht mehr nur für die Arbeit leben. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir zukünftig auch Workations machen. Also für ein paar Monate wegfahren, reisen und remote weiterarbeiten.

„Unsere Idee ist es, weiterhin möglichst viel raus in die Natur zu gehen, viel zu reisen und uns vor allem auch diese Offenheit zu bewahren.“

Das klingt nach einem sehr guten Weg und einem tollen Ausblick. Ich bin gespannt, wie es bei euch weitergeht und danke euch sehr für das Gespräch!

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