Menschen

Wie nachhaltig sind Schnittblumen? 7 Fragen an Katherine Ochsenfahrt

Zurück zu den Wurzeln – Blumenanbau geht auch nachhaltig. Wie, das zeigt uns die Slowflower-Bewegung.

von Ilka Bröskamp12.10.2023
Ausgeschlafen und bei einem frisch zubereiteten Hafermilch-Latte, schreibt Ilka leidenschaftlich gern über bewussteres Leben und Reisen.
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Wir sitzen mitten in deinem Slowflower-Garten, um uns herum blüht und duftet es – liebe Katha, woher kommt deine Liebe zu Blumen?

Witzigerweise bin ich gar nicht so ein Blumenmädchen, sondern immer eher ein Pflanzenmädchen gewesen. Ich hatte schon immer ganz viele Grünpflanzen in meinen Wohnungen und hatte auch auf meinem Balkon keine Blumen, sondern vor allem Kräuter in den Kästen. Das Interesse an Blumen kam hauptsächlich mit meiner eigenen Hochzeit. Eine Freundin von mir hat Blumen auf ihrem kleinen gepachteten Acker in Münster angeboten und wir haben diese dann zum Füllen der Vasen benutzt. Ich wollte selbst ein nachhaltiges Business starten und Hochzeiten dekorieren. Für mich war die große Frage: „Wo bekomme ich nachhaltige Blumen her?“ Durch einige Zufälle habe ich dann einen Acker gefunden und dachte: „Okay, dann mache ich das eben selbst.“ So bin ich ins Blaue hinein gestartet, aber anscheinend mögen‘s die Blumen bei mir.

Wo man auch hinsieht: Blumen über Blumen. Katherine's Slowflower-Garten in der Nähe von Münster ist ein ganz besonderer Ort.Foto: Ilka Bröskamp
So gemütlich! Hier hat sich unsere Autorin Ilka Bröskamp mit Farmerfloristin Katherine Ochsenfahrt getroffen.Foto: Ilka Bröskamp
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Oh, ja. Du bist Farmerfloristin. Erzähl doch mal, was genau bedeutet das, was machst du so?

Farmerfloristin ist die Kombination aus zwei Jobs: Der eine Job ist der Anbau der Blumen, also das Farming und der andere ist die Verarbeitung, also Floristik. Das heißt, dass ich die Blumen verarbeite, die ich auch selbst anbaue. Das gibt mir richtig viele Möglichkeiten, auch andere Formen zu wählen, weil ich eben nicht diese genormten, geraden Stiele habe, wie man das sonst aus dem Blumenladen kennt. Ich habe halt auch mal krumme Stiele und Blüten, die nicht perfekt sind, aber genau das macht es total interessant. Ich habe sehr viel Auswahl und arbeite mit vielen verschiedenen Materialien. Vor allem dekoriere ich Hochzeiten und gebe auch Workshops, zum Beispiel Blumenkränze binden oder Gestecke machen und demnächst wird es einen Workshop zu essbaren Blumen und einen Färbeworkshop geben. Man kann wirklich sehr, sehr viel mit Blumen machen.

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Du hast das Thema Nachhaltigkeit gerade schon eingebracht – immer mehr Menschen achten darauf, woher ihr Essen kommt, unter welchen Bedingungen ihre Kleidung hergestellt wird oder wie sie umweltfreundlicher reisen können. Sollten wir unser nachhaltiges Bewusstsein auch in Bezug auf Blumen noch weiter schärfen?

Ja, das muss auf jeden Fall weiter geschärft werden. Ich glaube, die meisten Leute denken gar nicht darüber nach, woher die Blumen kommen. Ganz ehrlich, ich habe das auch nicht gemacht, bis ich mich wirklich mit dem Thema auseinandergesetzt und gesehen habe, wie der konventionelle Blumenanbau verläuft. Ich war total geschockt und dachte: „Das müssen wir ändern und das müssen wir auch irgendwie öffentlich machen, damit die Leute Bescheid wissen.“ Aber genau dafür gibt es ja auch die Slowflower-Bewegung. Wir wollen aufklären und Alternativen zeigen.

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Du bist Teil dieser Bewegung – kannst du einmal erklären, was das ist und wo die Probleme beim konventionellen Blumenanbau liegen?

Die Slowflower-Bewegung ist eine Gruppe von Menschen, die nachhaltig Blumen anbauen. Die Bewegung gibt es auch zum Beispiel in Amerika und Italien, im deutschsprachigen Raum sind wir mittlerweile über 300 Mitglieder und sind seit letztem Jahr auch offiziell ein Verein. Bei uns kann jeder mitmachen, der selbst nachhaltig Blumen anbaut. Wir stehen alle miteinander im offenen Austausch und geben uns gegenseitig Tipps zu nachhaltigen Praktiken, klären Fragen und tauschen wertvolles Hintergrundwissen aus. Wir wollen Transparenz schaffen, aufklären und Alternativen bieten. Im konventionellen Blumenanbau ist es so, dass ca. 80% der Blumen, die hier verkauft werden, nicht aus Deutschland kommen, sondern neben holländischen Gewächshäusern vor allem aus Übersee – aus Afrika oder auch Mexiko. Bei dem Anbau in Übersee gibt es kaum Möglichkeiten, den Einsatz von Pestiziden zu regulieren und auch die Bedingungen auf den Flowerfarmen sind für die Arbeiter, also hauptsächlich Arbeiterinnen, sehr, sehr schlecht. Hinzu kommen dann weite Transportwege. Die Blumen kommen zunächst nach Holland auf die Blumenbörse und werden von dort weitertransportiert. Doch auch holländische und deutsche Gewächshäuser haben eine sehr schlechte Klimabilanz, weil sie im Winter beheizt und im Sommer teilweise gekühlt werden müssen. Letztendlich stoßen sie so sogar mehr CO2 aus als die Flüge. Die Blumen, die dann im Geschäft landen sind mit Pestiziden und Antipilzmitteln belastet, damit sie während des langen Transports nicht schimmeln und frisch bleiben. Das ist auch einer der Gründe, warum diese Blumen meist nicht mehr duften. Übrigens gehören konventionelle Blumen, nachdem sie verblüht sind, nicht auf den Kompost, sondern in den Restmüll. Das ist also schon sehr, sehr fragwürdig.

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„Man merkt, dass alle total vergessen haben, was Saisonalität bedeutet und so werden Anfang Januar wie selbstverständlich die Tulpen aus dem Supermarkt mitgenommen. Ich glaube, solche Käufe kann man auch bewusst vermeiden, um zu zeigen, dass es einfach nicht notwendig ist.“
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Was genau macht ihr in der Slowflower-Bewegung anders?

Wir bauen Blumen nachhaltig an. Das heißt, wir benutzen keine chemischen Dünger, keine Pestizide, keine Fungizide, keine Herbizide, also nichts, was Insekten tötet oder Beikräuter unterdrückt. Wir machen wirklich alles in Handarbeit, oder je nach Größe des Betriebs, mit kleinen Maschinen. Außerdem ist Saisonalität ein großes Thema für uns. Es gibt die Blumen, die aktuell Saison haben. Das heißt: Zum Valentinstag gibt es keine Rosen (lacht), denn im Februar gibt es die einfach noch nicht. Auch die Tulpensaison beginnt frühestens Ende März. Man merkt, dass alle total vergessen haben, was Saisonalität bedeutet und so werden Anfang Januar wie selbstverständlich die Tulpen aus dem Supermarkt mitgenommen. Ich glaube, solche Käufe kann man auch bewusst vermeiden, um zu zeigen, dass es einfach nicht notwendig ist.

Slowflowers in deiner Nähe 🌻

Wer Slowflowers in seiner Umgebung sucht, findet auf der Website der Slowflower-Bewegung eine Karte mit allen Mitgliedern, die nachhaltige Blumen verkaufen.

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Also muss ich im Winter auf Blumen verzichten?

Nein, denn es gibt super viele tolle Trockenblumen, die auch richtig lange ihre Farbe behalten. So kann man sich auch im Winter einen richtig bunten Strauß hinstellen, der aussieht wie ein Sommerstrauß. Mit Trockenblumen kann man echt gut tricksen. Auch viele Mitglieder der Slowflower-Bewegung bieten Trockenblumen an, weil die mittlerweile sehr gefragt sind und sich auch mit frischen Blumen kombinieren lassen, zum Beispiel für Events.

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Hast du abschließend noch ein paar Tipps zu Anbau und Pflege von Blumen im eigenen Garten bzw. auf dem Balkon?

Für Garten und Balkon ist es grundsätzlich sinnvoll, Bio-Saatgut oder Biopflanzen zu nutzen. Es gibt viele Stauden, die man auch als Bioware bekommt. In Gartencentern werden häufig bienenfreundliche Pflanzen wie Lavendel angeboten, die mit Pestiziden und chemischen Düngern belastet sind, um im Verkauf möglichst schön auszusehen. Die Insekten, die man damit auf den Balkon oder in den Garten lockt, gehen dann an die belastete Pflanze, fressen davon und werden unfruchtbar. So erreicht man leider genau das Gegenteil von dem, was man erreichen möchte. Deshalb wenn möglich unbedingt nach Biovarianten schauen. Online gibt es da bereits viel Auswahl, in den Gartencentern ist es noch schwierig. Aber auch da kann man immer mal wieder nachfragen und zeigen, dass das Interesse an nachhaltigen Pflanzen besteht. Wer Lust hat, das ganze Jahr über schöne Blumen auf dem Balkon oder im Garten zu haben und sich ein bisschen einliest, bekommt das auf jeden Fall hin. Wir werden zukünftig auch einen Saisonkalender beziehungsweise einen Blühkalender veröffentlichen. Da kann man dann direkt nachschauen, welche Blumen wann blühen und sie entsprechend anpflanzen.

Noch mehr Tipps zum nachhaltigen Gärtnern findest du übrigens in unserem Beitrag Bewusst gärtnern: 7 Tipps für mehr Umweltschutz auf dem eigenen Balkon.

Vielen Dank für deine Zeit, liebe Katha!

Hier findet ihr Katherine im Netz:

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