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Surf-Retreat in Portugal: Auszeit in den Wellen

von Nadine Pinezits24.5.2024
Nadine liebt die Berge, den Wald hinter ihrem Elternhaus, die Küsten Portugals und ihre Kamera, mit der sie sämtliche ihrer Abenteuer einfängt.
Die Abendsonne in Portugal.

„The best surfer out there is the one having the most fun“, heißt es. In den letzten Jahren hat sich beim Surfen einiges an Frustration in mir aufgestaut. Zu wenig Fortschritt, zu viel Angst. Spaß hatte ich nur noch selten.

Das sollte sich ändern. Ich wollte wieder Freude am Surfen haben, mit Leichtigkeit und umgeben von einer Gruppe Gleichgesinnter an die Sache rangehen. Als ich auf Instagram eine Werbung für ein Longboard Surf-Retreat in Portugal ausgespielt bekomme, ist klar: Das ist es!

Sieben Tage im portugiesischen Hinterland, Surfcoaching mit Videoanalyse, Yoga-Einheiten, gesundes, vegetarisches Essen – es klingt fast so, als hätten die Gründerinnen von Rising Sea Soul einmal mein Gehirn durchwühlt und ein Retreat für mich persönlich zusammengestellt. Ich öffne meinen Browser und schreibe eine Mail: „Hallo, ich möchte bitte buchen.“

Kleines Surf-Lexikon 🏄🏽‍♀️

Crowded: Überfüllt. Meint einen Surfspot, an dem sehr viele Surfer:innen sind und um die Wellen kämpfen.

Flat: Flach. „Heute ist es flat“ = Heute gibt es keine Wellen. 

Forecast: Der Surf-Forecast ist die Vorhersage der Surf-Bedingungen an einem Surfspot. Es gibt hierfür Apps oder Webseiten.

Line-up: Die Zone im Wasser, wo die Surfer:innen sich aufreihen, um auf die Wellen zu warten.

Longboard: Ein sehr langes, breites Surfboard mit meist runder Nase. In der Regel sind diese Surfboards mindestens 9 Fuß lang.

Rechte Welle: Rechtsbrechende Welle. Eine Welle, die vom Meer aus gesehen zur rechten Seite bricht. 

Turn: Ein Manöver, bei dem die Surfer:innen die Fahrtrichtung wechseln. 

Wipe-out: Wenn Surfer:innen während des Surfens unfreiwillig vom Board fallen.

Runterkommen und Lernen

Knapp zwei Monate später komme ich an einem 28 Grad heißen Tag auf einem wundervollen Anwesen im portugiesischen Alentejo an. Um mich herum ist nichts, außer Felder, Bäume, und Vogelgezwitscher. Das nächste Haus? Außer Sichtweite. Der nächste Ort? Ebenso. Voller Staunen betrete ich den riesigen und bunten Garten. Hier liefern sich Palmen, Aloe Vera und pinke Duftrosen einen Schönheitswettbewerb. Das kleine Häuschen, in dem ich die nächste Woche wohne, wirkt dagegen fast schon unscheinbar. Es trägt den Namen ‚Casa Onda‘, was übersetzt so viel bedeutet wie ‚Wellenhaus‘. Wie passend. Ich schlafe hier im Obergeschoss direkt unterm Dach. Von meiner kleinen Terrasse, auf der ich meine Tage hier starten werde, habe ich einen herrlichen Blick auf die alten Windmühlen und den Sonnenaufgang.

Ich bin an diesem Ort, um runterzukommen und zu lernen. Beim ersten Abendessen in der kleinen Gruppe, die aus sechs Teilnehmerinnen aus ganz Europa sowie dem vierköpfigen Team (die Veranstalterinnen Inês und Isabelle, Surfcoachin Annie sowie Köchin Anna) besteht, besprechen wir grob die uns bevorstehende Woche. Über einem wohltuend-warmen Gemüseeintopf gehen wir das morgige Surfcoaching durch. Dass meine beiden Wünsche, mit denen ich hierhergekommen bin – Ängste loslassen, Spaß haben – hier erfüllt werden, ist nach diesem kurzen Check-Up auf jeden Fall klar.

Du interessierst dich fürs Surfen und möchtest mehr über die positiven Aspekte des Wassersports erfahren? Vor einiger Zeit habe ich mit dem Psychotherapeuten Nicolas Klemer aus München gesprochen und von ihm erfahren, wie sehr Menschen mit psychischen Belastungen von einer Sporttherapie profitieren können. Hier geht's zum Interview.

Die beste Surf-Einheit seit Langem

Als wir am nächsten Tag um die Mittagszeit am Strand ankommen, brennt die Sonne heiß vom Himmel. Wir bekommen unsere Boards für die Woche zugeteilt und machen uns über die kleine Treppe auf den Weg runter Richtung Wasser. Zink ins Gesicht geschmiert und die Ohrstöpsel positioniert, geht es wenig später auch schon in die Wellen. Es wird nicht lange gefackelt. Alle aus der Gruppe können bereits surfen, wollen loslegen und sich die Woche über verbessern. Es ist nicht sonderlich crowded hier und unsere kleine Surferinnen-Einheit gibt mir ein zusätzliches Gefühl von Sicherheit. Keine 15 Minuten vergehen, bis ich meine erste Welle erwische. Davon konnte ich die letzten Jahre, in denen ich meist bei viel zu großen Bedingungen ängstlich am Rand des Line-ups saß, nur träumen.

Glücksgefühle strömen durch meinen Körper, mein Gehirn meldet: „Ah richtig, deswegen hast du ursprünglich zu surfen begonnen.“ Die Motivation, die die letzten Surftrips verloren gegangen ist, schlägt plötzlich wie ein Blitz ein und lässt mich mühelos wieder rauspaddeln. Denn: Das Gefühl, das ich gerade hatte (diejenigen, die surfen, wissen, wovon ich spreche), muss wiederholt werden! Es gelingt mir in den knapp eineinhalb Stunden, die wir draußen auf dem Wasser sind, tatsächlich noch einige Male. „Did you have a good time?“, ruft mir Inês zu, als ich zurück zum Strand komme. Die Antwort kennt sie anhand meines Gesichtsausdruckes aber bereits. Mit einem breiten Grinsen lege ich mein Board ab und lasse mich in den warmen Sand fallen. Meine Muskeln schmerzen, mein Herz lacht.

Angst, Komfortzone und Grenzen austesten

„Ich hatte heute an die zehn Wellen! So viele hatte ich das letzte Mal 2021 in einer Session“, lasse ich meine beste Freundin in einer überschwänglichen Sprachnachricht wissen. Das beflügelte Gefühl meiner Surf-Einheit begleitet mich noch den ganzen Tag über. Ich fühle mich hier wohl – mit den kleinen Wellen, dem Support der Gruppe und dem Safe Space, der hier von den Veranstalterinnen des Retreats geschaffen wurde. Selbst als die Wellen zwei Tage später – für meine Verhältnisse – etwas zu groß sind und ich mir im Wasser förmlich in die Hose beziehungsweise in meinen Wetsuit mache, schaffe ich es nach einer Pause und einem kurzen Pep-Talk seitens Inês nochmal raus ins Line-up. Angst darf man haben, oder nennt es von mir aus Respekt. An so vielen anderen Tagen habe ich nach beängstigenden Erlebnissen und unangenehmen Wipe-outs aufgegeben und für mich beschlossen „Heute gehe ich nicht mehr über meine Grenzen hinaus“. An diesem Morgen sollte es anders sein. Und auch wenn ich keine Welle mehr erwischt habe, die Angst war beim zweiten Anlauf auf jeden Fall kleiner. Ich verbuche das als Erfolg.

Der perfekte Abschluss

Nach der herausfordernden Session keimen Respekt und Motivation für den nächsten Tag gleichermaßen in mir auf. Ich stelle mich auf ähnliche Bedingungen für unseren letzten Versuch ein. Am selben Strand wie an Tag eins angekommen, sehen die Wellen jedoch perfekt aus: nicht zu groß, nicht zu klein. Weit und breit keine anderen Menschen. Ich kann meinen Wetsuit nicht schnell genug anziehen und bin an diesem Tag tatsächlich die Erste, die ins Wasser geht. „Das wird heute der perfekte Abschluss“, sage ich mir in Gedanken vor. Im Laufe der Session formt sich eine wunderschöne rechte Welle, die ich einige Male surfe. Die Felsen, die unter mir durch das kristallklare Wasser durchblitzen, stören mich heute nicht. Ich fühle mich federleicht und voller Energie. Die Videoanalyse am Nachmittag bestätigt mein Gefühl. „Really nice waves“, lobt mich Surfcoachin Annie. Ich merke: Ich habe die Tipps aus den vergangenen Theoriestunden umgesetzt, an meiner Haltung gearbeitet und auf meine Intuition gehört.

Alles kommt in Wellen

Was ich während des Retreats neben der richtigen Paddeltechnik und korrektem Turnen vor allem lerne, ist, dass nichts im Leben linear verläuft. Sowohl draußen auf dem Ozean als auch außerhalb davon kommt alles in Wellen. An einem Tag surfst du super, am nächsten geht gar nichts. Am Montag klappst du den Laptop auf und kannst in der ersten Arbeitsstunde die Hälfte deiner To Do’s abhaken, am Dienstag starrst du zwei Stunden wie paralysiert auf deinen Bildschirm. Ich riskiere jetzt wie einer dieser Pinterest-Sprüche zu klingen, aber: So wie man beim Surfen mit den Wellen geht, nicht gegen sie ankämpft, sondern sich gewissermaßen mit ihnen bewegt, so funktioniert das auch sonst im Leben.

Als ich nach dem Retreat am nächsten Stopp meiner Reise ankomme, weiß ich daher: Alles kann, nichts muss. Gehe ich hier surfen: super, gehe ich nicht: auch super. Ist das Wetter gut: perfekt, wenn nicht: finde ich auch etwas zu tun. Ich habe gelernt, die Dinge mit mehr Leichtigkeit zu sehen und meine Verbissenheit etwas zur Seite zu schieben. Denn hat man zu genaue Vorstellungen, ist die Chance auf Enttäuschung und Frustration wesentlich höher. In der goldenen Abendsonne gehe ich die paar Schritte von meinem Apartment zum Strand und sehe, dass es flat ist. Die Forecast-App sagt mir, dass es die nächsten Tage noch so bleiben wird. Auch okay, denke ich. Der nächste Surftrip kommt bestimmt.

Du hast auch Lust auf ein Surf-Retreat? 🌊

Für mehr Infos folge Rising Sea Soul auf Instagram oder schaue auf deren Webseite vorbei.

Hier gibt's noch mehr:

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